ZFF 2015: Fish & Cat

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Fish & Cat
Von Shahram Mokri
Iran 2013, 134 Min.

Eine Texttafel berichtet: In den 1990ern wurden im Iran Restaurantbetreiber angeklagt, Studenten umgebracht und deren Fleisch in der Küche verwendet zu haben.

Schnitt.

Zwei gammlige Typen hängen vor einem gammligen Lokal herum. Derweil finden sich an den Ufern eines nahen Stausees diverse Studentengruppen ein; die jungen Leute stellen Zelte auf und bereiten sich auf einen Wettkampf im Drachenfliegen vor. Das zwielichtige Duo schleicht auf dem Gelände herum, beobachtet heimlich die Studenten, klaut Zeug aus den Zelten. Schliesslich überredet der eine Kerl eine Studentin dazu, mit ihm allein in den Wald zu gehen, um das Hauptventil für den Stausee abzudrehen. Sie geht mit. Allein.

Brrr …

Shahram Mokri führt die Mittel des Thrillers auf die Spitze, indem er seinen Film fast vollständig in einer einzelnen Einstellung dreht. In Fish & Cat ist man als Zuschauer ein Gefangener der Kamera, ist gezwungen, sich an ihren engen Horizont zu halten. Zunächst folgt sie den beiden Köchen, heftet sich dann aber plötzlich an einen der Studenten. Während er im Lager herumgeht und wir sehen, wie die jungen Leute streiten oder nach Lampen suchen, nagt eine Frage stets an unserem Kleinhirn herum: Was machen die Köche? Bis sie dann unerwartet wieder ins Bild kommen. Verflucht sei die Kamera! Wir sind ihr völlig ausgeliefert.

Da begrüssen sich ein junger Mann und eine junge Frau. Verdammt noch eins! Die Szene haben wir doch schon einmal gesehen, bloss aus einer anderen Perspektive. Während der kontinuierliche Bildfluss der Kamera eine in die Zukunft fortschreitende Handlung impliziert, häufen sich die Wiederholungen. Wir befinden uns in einer mehrfach verknoteten Zeitschlaufe.

So zieht einem Fish & Cat mehr und mehr den Boden unter den Füssen weg. Der stringente Thriller wird zum surrealen Horrorfilm. Was am Anfang eine einfache Geschichte zu sein schien, entwickelt sich zum Albtraum. Am Himmel türmen sich dunkle, bedrohliche Wolken. Die beiden Einarmigen in ihren roten Latzhosen, die tote Enten durch den Wald tragen, geben sich als Boten des Weltenendes zu erkennen.

Shahram Mokri spielt ebenso mit den Regeln der Genres, wie er die Logik der Erzählung, ja des Erzählens an sich auflöst. Und weil er uns eh schon am Hemdkragen hat, würgt er uns schliesslich ein Ende rein, das uns schlicht sprachlos zurücklässt.

„Fish & Cat“ läuft in der Reihe Neue Welt Sicht: Iran.
Die letzte Vorstellung ist am 4. Oktober um 18 Uhr im Arthouse Piccadilly.

Diese Kritik erschien in einer ersten Version auf Students.ch.

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ZFF 2015: Deep Web

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Deep Web
Von Alex Winter
USA 2015, 90 Min.

Deep Web – ein Dokumentarfilm, der Licht in die digitale Tiefsee zu bringen versucht und den Bewohnern dieser Welt eine verzerrte Stimme gibt. Ein Muss für alle angehenden Transhumanisten, altgedienten Cyberpunks und Staatsfeinde im Allgemeinen, die ein neues, ein digitales Gesicht für den klassischen Anarchismus suchen.

Und man staune: Der moderne Cyberanarcho trägt schicken Bartwuchs, schaut gerne VICE-Dokus und weiss diese auch zu reproduzieren, verweilt in Starbucks (wohl wifi-bedingt) und sinniert – wenn man genau hinhört – über eine neoliberale Welt, ab der sich TTIP-Freunde und Wallstreet-Haie die Finger lecken würden. Ein Markt ohne Staatseingriffe, ohne gesetzliche Kontrolle – ein absolut freier Markt. Dem Hayek geht da selbst im Grab einer ab!

Klar, der Film zielt in erster Linie auf das Drama, welches sich rund um den möglichen Silk-Road-Erfinder Ross Ulbricht und eine wohl eher ungewöhnliche, für Europäer aber durchaus typisch amerikanische Gerichtspraxis dreht. Leider bleibt diese Geschichte aber bis zum Schluss diffus und unnahbar.

Was an der Hirnrinde kleben bleibt, ist die Erscheinung des Wired-Journalisten Andy Greenberg und dessen penetrante Selbstinszenierung als stilbewusster Neonerd, Alex Winters Vorliebe für illustre Quellen wie RussianToday oder FoxNews und – hier wird es nun gewinnbringend – ein Bewusstsein über ein sich verstärkendes Justizversagen im digitalen Raum.

Da dies aber den meisten Lesern bereits zu genüge bekannt sein wird, begibt man sich lieber gleich direkt auf die Silk-Road. Dort kriegt man den besseren Stoff.

Der Film läuft im Internationalen Dokumentarfilm-Wettbewerb

ZFF 2015: Dürrenmatt — Eine Liebesgeschichte

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Dürrenmatt — Eine Liebesgeschichte
Von Sabine Gisiger
CH 2015, 79 Min.

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Wer gerne Tiefschürfendes über Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, schaue sich Portrait eines Planeten an. Der Dokumentarfilm von Charlotte Kerr ist derart gut, dass sich auch Sabine Gisiger ausführlich daran bedient hat.
Im Verbleich dazu hat Gisiger eigener Versuch Dürrenmatt — Eine Liebesgeschichte arg wenig Fleisch auf den Knochen. Zwar interviewte sie die kleine Schwester des Literaten sowie zwei seiner Kinder, doch viel Spannendes zu sagen haben die nicht: „Er hat nicht gewusst, wie man persönlich redet.“ (Peter Dürrenmatt)
Interessant daran ist höchstens die extreme Familienähnlichkeit der Dürrenmatts untereinander. Als habe man sie alle aus demselben Reagenzglas geklont.

Dass schliesslich eine Liebesgeschichte das Zentrum dieses Dokumentarfilms sei, bleibt eine blosse Behauptung. Lotti, die erste Frau, ist einfach eine von vielen Figuren in der Nacherzählung von Dürrenmatts Leben. Und Charlotte Kerr, die zweite, wird in den letzten fünf Minuten noch rasch abgehandelt. Angesichts dessen, dass soviel Material von ihr stammt, eine Frechheit.

Der Film läuft am ZFF als Gala Premiere. Der reguläre Kinostart ist am 15. Oktober.

ZFF 2015: Unsere Tipps

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Wer freut sich sonst noch auf eine Überdosis Kino? Auf Bratwurst vom Sternengrill? Überfüllte Partys im Bellevue? Heute läuft nämlich das Zurich Film Festival 2015 an. Wir haben uns durchs Programm gewühlt und ein paar Highlights ausgegraben.

 
The Program
Der Titel spielt auf das Dopingprogramm an, das Lance Armstrong zusammengestellt hat – es hat ihm sieben Siege an der Tour de France eingebracht. Aber am Ende kommt alles raus. Selbst wenn man kaum Interesse am Radsport hat: Stephen Frears Drama entwickelt einen unheimlichen Sog. Mehr zum Film gibt’s hier.
Gala Premiere

The Miracle of Tekir
Die schweizerisch-rumänische Regisseurin Ruxandra Zenide erzählt ein faszinierendes Märchen um das Mysterium der Schöpfung – und die Weiblichkeit von Schlamm. Allein schon die Bilder sind ein Ticket wert.
Internationaler Spielfilm-Wettbewerb

Sicario
Vor zwei Jahren kam Denis Villeneuve mit Prisoners (und Hugh Jackman) nach Zürich und wurde als Regiegott gefeiert. Sicario ist nun ein Thriller über den Drogenkrieg an der Grenze zwischen Mexiko und den USA.
Gala Premiere

Krigen
Wenn es überhaupt jemanden gibt, der bessere Thriller als Denis Villeneuve macht, so ist das der Däne Tobias Lindholm. Nach R und Kapringen bringt er auch seinen dritten Film ans ZFF.
Internationaler Spielfilm-Wettbewerb

The Wolfpack
Sechs Brüder, die von ihrem Vater in der Wohnung eingesperrt werden. Hunderte von Filmen als einzige Verbindung zur Aussenwelt. Der Wunsch, die Filme nachzuspielen. Am Ende die Revolte gegen den Vater. Die New Yorkerin Crystal Moselle ist da auf ein grandioses Thema gestossen.
Internationaler Dokumentarfilm-Wettbewerb

The Living Fire
Und noch ein Dokumentarfilm – allerdings spielt Ostap Kostyuk mit den Mitteln des Spielfilms. Ebenso reizvoll ist der Gegenstand der sterbenden Schafhirtenkultur: Wer die vielen schweizerischen Alpsommerfilme der letzten Jahre spannend fand, findet hier einen Einblick die ukraninische Variante.
Internationaler Dokumentarfilm-Wettbewerb

Fish & Cat
Ein surrealer Thriller aus dem Iran, gedreht in einer einzigen Einstellung, getränkt in schwarzem Humor? Fish & Cat ist ein kleines Meisterwerk, das man auf keinen Fall verpassen darf.
Neue Welt Sicht: Iran

Regression
1990 in Minnesota: Ein Mädchen (Emma Watson) behauptet, ihr Vater habe sie vergewaltigt. Ein Polizist (Ethan Hawke) kommt einer bösartigen Verschwörung auf die Spur. Der neue Film des Spaniers Alejandro Amenábar ist Satanistenhorror alter Schule – und dreht das Genre doch vollständig auf den Kopf.
Gala Premiere

 
Hier geht’s zur Festivalseite.

Fantoche 2015: Wettbewerbe

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Gregor war am Fantoche, dem internationalen Festival für Animationsfilm. Dort hat er sich viele Wettbewerbsbeiträge angesehen und einige Entdeckungen gemacht. Was hat ihm am besten gefallen?

Unterwegs in Baden. Grad hab ich den Pressepass am Festivalzentrum abgeholt, da fällt mir ein seltsamer Typ auf. Grossgewachsen, Bart und Glatze, das verbliebene Haupthaar zu einem blau gefärbten Zopf geflochten. Wenig später läuft er im Kino Trafo an mir vorbei, wo demnächst ein Block des Internationalen Wettbewerbs läuft — und tatsächlich seh ich ihn im Kinosaal ein drittes Mal. Die Moderatorin begrüsst uns und bittet die anwesenden Künstler, aufzustehen. Zum Beispiel Ivan Maximov, bittesehr. Der Typ mit dem Zopf!

Der Russe Maximov macht grandiose kleine Animationsfilme: Seltsame Gestalten in seltsamer Umgebung machen seltsames Zeug. Auch in Benches No. 0458, wo sich seine Kreaturen in einem Park tummeln. Ein paar davon sitzen mit Angeln um einen Brunnen herum — doch die Fische graben einen Tunnel und machen sich heimlich (wohlgemerkt auf Füssen) aus dem Staub.

Yoriko Mizushiri war mir noch von ihrem Kurzfilm Futon ein Begriff. Auf dem halben Weg zwischen Abstraktion und Sinnlichkeit fasst sie Wohlgefühl in Bilder. Hypnotisch. Und nicht zuletzt sexy. In Maku nun taucht plötzlich dieses Affenwesen auf — brrrr.

Apropos sexy: Ivan’s Need und Don’t Tell Mom aus Japan gehen Sex mit derart viel Humor an, dass ich jetzt noch lachen muss. Das wär mal was für den Aufklärungsunterricht.

Nicht weniger zum Kaputtlachen ist Life with Herman H. Rott von Chintis Lundgren. Eine überordentliche Mietzekatze verliebt sich spontan in eine riesige Ratte mit schütterer Hygiene — und nistet sich ungefragt bei dieser ein. Ein furioses Beziehungsdrama, mitunter überraschend traurig. Und man lernt Tschaikowskis berühmtes Klavierkonzert ganz neu schätzen.

Gewinner des Internationalen Wettbewerbs ist World of Tomorrow von Don Hertzfeldt. Faszinierend: Schon seine ersten Animationsfilme machten ihn zum Kult; für Rejected kriegte er bereits 2000 eine Oscarnominierung; von ihm stammt der beste Simpsons-Couch-Gag aller Zeiten („Vigorously touch flippers!“).
World of Tomorrow schliesslich ist ein Brainfuck erster Kajüte: Ein kleines Mädchen wird von seinem Klon aus der Zukunft in eben jene geholt. Während besagtes Mädchen mit seinem Kleinkinderverstand gar nicht erst versteht, was eigentlich vor sich geht, werden die Erklärungen des Klons abstruser und abstruser. Das Publikum hat gelacht, geweint und das Konzept geistiger Gesundheit in Frage gestellt. Allein dafür hätte sich schon das ganze Festival gelohnt.

Einige der Beiträge werden übrigens an der Best of Fantoche 2015-Tour zu sehen sein.