Gutenachtkriegsgeschichten – „The Dark Ages“ von Milo Rau am Theaterspektakel Zürich

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Milo „Reenactment“ Rau. Der gebürtige Berner gehört zweifellos zu den meist gesehenen und wohl auch meist umschwärmten Schweizer Theaterautoren unserer Tage. Eine, wie man so sagt, beeindruckende Laufbahn hat der 38-jährige Kunstschaffende schon hinter sich gelegt: Inszenierungen, die das rumänische Diktatorenehepaar in „die letzten Tage der Ceausescus“ auf dem Weg zur Hinrichtung begleitet. Eine skandalumwitternde Verteidigungsrede des Norwegers Andres Breivik oder die russische Gerichtsshow rund um die ketzerische Punkband „Pussy Riot“ sind nur ein paar der Kerben, die das Rausche’ Kerbholz schmücken.

2011 dann der Ritterschlag: Mit „Hate Radio“, ein Stück, das den Redaktionsalltag eines rwandischen Radiosenders zeigt, welcher mehr oder minder damit beschäftigt ist Michal Jackson über den Äther rasseln zu lassen und zwischendurch zum Morden aufzurufen, ist das inszenatorisches Juwel, welches Regisseur Rau Tür und Tor zur Jakobskrönung der Theaterschaffenden öffnete, eine Einladung an das Berliner Theatertreffen. Völlig klar, das hört ein Tauber und sieht ein Blinder – Milo Rau ist angesagt, Milo Rau ist Kult! Auf der ganzen Welt bestaunt theaterwilliges Fußvolk Raus Stücke und kriegte hier in Zürich, ein Weilchen nach dem publikumswirksamen Gassenhauer „Zürcher Prozesse“ das Stück „Dark Ages“ zusehen. Zürcher Prozesse übrigens, ein zweitägiges Schafott, in der das Wochenmagazin „Die Weltwoche“ wegen Hetze vor den Richter gezogen wird. Tatsächlich wird der WW-Journalist Alex Baur vom Richter befragt, muss sich rechtfertigen. Irgendwo, in den niemals enden wollenden Archiven der SRF Mediathek ist noch eine Aufnahme der „Prozesse“. Es traten rhetorischen Grössen aus der Reality darin auf. Professor Kurt Imhof etwa, oder der knabenhafte Milieuanwalt Valentin Landmann. Sowas stimmt nachdenklich.

Zurück zu Dark Ages: „Der Spiegel“ lobpreiste Milo Rau samt Inszenierung und meinte entzückt: Hingehen und zuhören! Die heimischen Herren von der „NZZ“ hingegen liessen verlauten, „Dark Ages“ sei eher enttäuschend, eine regelrechte Pattsituation am Feuilletonhimmel.

Milo Rau ist im Übrigen auch Autor eines kleinen Büchleins. Ein Büchlein, das auf den erfrischenden Namen „Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“ hört. Natürlich ist der Name an den bolschewistischen Actionroman von Vladimir Iljitsch Lenin angelehnt. Der wiederum hat den Titel „Was Tun?“ zu Ehren des Literaturkritikers, Priestersohns und Revolutionären Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski verwendet. Ja genau, der Tschernyschewski. Aber, aber – und das ist die gute Nachricht: Das Doku-Theater „The Dark Ages“ ist keine Moralpredigt auf die Gräueltaten des Bosnienkrieges, keine Geschichtsstunde mit erhobenen Zeigefinger, kein Bühnenaktivismus. Kein Mahnen und schon gar kein Ehrmanen. Mahner mag man, mögen sie auch noch so klug sein, von Natur aus bekanntermassen nicht so gerne. Doch nichts dergleichen. Im Stück ist man weder in Tränen aufgelöst, noch machen sich klammheimlich menschenfeindliche Tendenzen bei einem bemerkbar, ganz im Gegenteil – „The Dark Ages“ ist gemütliche Plauderei. Unterhaltung, Frühstücksfernsehen.

Die Theaterspektakel-Premiere, abgesehen davon, dass Straßen-Künstler und Kinderclowns auf der Zürcher Landwiese schon eine Handvoll Nachmittagsvorstellungen zu ihrem Besten gegeben hatten, machte dieses Jahr dann auch gleich Raus Inszenierung. In der über 40 Grad warmen und windstillen Schiffshalle war man gespannt auf das, was den Theatergängern im renommierten Residenz Theater München schon vor die Nase gesetzt wurde. Das „Resi“ beheimatet Raus Stück schon seit einer ganzen Theatersaison. Die gute Stube, ein geräumiges Büro-Setting ist Spielort dreier Erzählerinnen und zweier Männer. Fünf Leute, drei davon, die den Bosnienkrieg miterlebt haben und bei uns in Zürich aus dem Nähkästchen plaudern.

Subdin Music, ein muslimischer Bosnier und Menschenrechtsaktivist, die beiden Serbinnen Sanja Mitrovic und Vedrana Seksam, Schauspieler Mannfred Zapatka und die junge Deutsch-Russin Valery Tscheplanova. Alle erzählen sie ihre ganz persönliche Geschichte. Von ihren Familien und dem Aufwachsen auf dem Balkan der 90er Jahre. Das Publikum beugt sich über die Intimitäten. Sie berichten vom Tode Titos, über den darauffolgenden Bosnienkrieg, über das Hungerleiden, über Schnaps und Gelegenheit-Jobs, von den Drogen, Partys und Springerstiefeln – zwischen dem Nato-Bombardement und dem Massensterben von Srebrenica.

Hört sich nach schwerer Kost an, doch hört man, bzw. liest (da es Untertitel gibt auf einem großen Bildschirm, auf denen die in Originalsprache erzählenden fünf Hauptpersonen abgefilmt werden) gerne zu und findet Gefallen daran, diesen Geschichten, die ganz unsentimental und schwindelfrei aus der Ich-Perspektive erzählt werden, zu lauschen. Da ist auch kein allzu grosses Hinterfragen mit dabei, wenn die Protagonisten über ihre Erlebnisse erzählen, kein Sinnieren, wenn sie über ihre persönlichen Episoden schwadronieren, kein Wundelecken, kein Seelenstriptease, keine Heuchelei. Viel mehr huscht hin und wieder ein zurückhaltendes, aber dennoch lächelndes Staunen von Mundecke zu Mundecke der Protagonisten, ein Staunen darüber, was für verrückte Zeiten sie doch eigentlich erlebt haben. Normalität zwischen Autobomben und Laibach.

Diese Erkenntnis macht sie beim Zürcher Publikum natürlich unglaublich sympathisch, wie sollte es auch anders sein. Man mag diese fünf Leute, ab ihrer Nüchternheit. Natürlich sind sie uns exotisch. Die Geschichten, die Münder und Augen der Erzählerinnen und Erzähler, die diese Dinge berichten, wabbern aus der Glotze und auf die – völlig eingelullten – Besucher hinab. Packend wie der Sonntagnachmittag auf Arte.

Raus Stück ist der zweite Teil seiner Europatriologie nach „The Civil Wars“. Ein persönliches, fast vollständig authentisches Recherchestück über Zeitzeugen, die ihre Geschichte erzählen oder ihren Familienstammbaum im Zeitgeschehen verbandelt sehen. Geschichten, die man hier gar nicht erst wiedergeben mag, der Geschichten wegen, versteht sich.

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