Theater Spektakel 2015: Lolling and Rolling

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Lolling and Rolling
Von Ja Ha Koo

Greif dir mal in den Mund und taste nach dem Band, das die Unterseite der Zunge mit dem Mundboden verbindet. Jetzt stellt dir vor, wie ein Arzt dieses Zungenbändchen durchschneidet.
Ein Murmeln geht durch das Fabriktheater, ein paar Zuschauer ziehen Luft durch die Zähne ein: Die Operation läuft in Grossaufnahme über eine Leinwand.

In der Reihe Short Pieces präsentieren Nachwuchsperformer aus aller Welt kurze Solos. So auch der Südkoreaner Ja Ha Koo, geboren 1984, Theaterstudium in Südkorea und aktuell in Holland, nebenbei unter dem Pseudonym GuJAHA als Komponist tätig.
Koo tritt auf die Bühne und vor die Leinwand, wo er sich gegen das Publikum verbeugt. Er setzt sich an ein DJ-Pult linkerhand, um uns eine Geschichte zu erzählen. Genauer gesagt: Er spielt uns die Aufnahme eines Freundes vor, der Koos Text auf Band gesprochen hat. Das Englisch des Muttersprachlers ist um einiges besser als das des Südkoreaners. Den Text geht der Theatermacher simultan mit dem Rotstift durch, was eine Kamera auf einen kleinen Fernseher überträgt — das Gerät steht ziemlich verloren rechts der Leinwand am Boden.

Die Geschichte: Noah kommt in Südkorea zur Welt, ein Land, das seit dem Zweiten Weltkrieg eine ausgewachsene Obsession für die amerikanische Kultur entwickelt hat. Da geht zum Beispiel, wer etwas auf sich hält, in Restaurants essen, die westliche Gerichte auftischen. Tonkatsu zum Beispiel, also Schweineschnitzel. Allerdings handelt es sich dabei um eine japanische Erfindung, die mit echtem western food nur am Rande zu tun hat. So wie es sich halt umgekehrt bei uns mit der asiatischen Küche verhält.

Ferner bedingt die Liebe der Südkoreaner zur amerikanischen Kultur, dass die Beherrschung des Englischen als absolutes Muss gilt. Einige Eltern gehen dafür soweit, ihren Kindern das Zungenbändchen durchschneiden zu lassen, um ihnen die Aussprache des „R“ zu erleichtern. Auch Noah wird die schmerzhafte Prozedur aufgezwungen. Sein schulischer Erfolg hält sich dennoch in Grenzen, sehr zum Leidwesen seiner Mutter — unternimmt sie doch alles, um ihren Söhnen eine glänzende Zukunft zu sichern. Für deren Studium in den USA verschuldet sich die Familie bis zum Hals. Der Vater arbeitet Tag und Nacht, um das nötige Geld zu verdienen, begeht jedoch Selbstmord, nachdem er ein Vermögen an den Immobiliencrash von 2008 verliert.

Das Familiendrama im Kleinformat ist etwas vorhersehbar, dient aber auch bloss als Aufhänger, um von einem überaus spannenden soziolinguistischen Thema zu erzählen. Ein Thema, das im Grunde gar nicht so weit von uns entfernt ist — denn wie war das noch mit der Aussprache des hochdeutschen „R“?

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