Theater Spektakel 2015: La imaginación del futuro

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La imaginación del futuro
Teatro La Re-sentida
Chile

Da erschrickt das Publikum, aber so richtig: „Die wollen unser Geld!“
Der Schauspieler liest seine Forderung sogar auf Deutsch vom Blatt ab: „Wir möchten, dass jeder von ihnen eine Zwanzigernote aus dem Portemonnaie nimmt.“

Das Geld sollen wir, die wir plötzlich sehr nervös werden, in die Zukunft von Roberto investieren. Erst zwölf Jahre alt, stammt er aus Santiagos Armenvierteln. Die Chance auf eine anständige Bildung ist ihm verwehrt — es sei denn, wir rücken mit der Kohle raus.
Das Ensemble geht mit Sammelbeuteln durch die Zuschauerränge, doch einer aus dem Publikum will nicht zahlen. Sofort stürzt sich eine Schauspielerin mit der Kamera auf ihn. Der Typ trägt ein Hemd von Hugo Boss und teure Schuhe, aber läppische zwanzig Franken für Robertos Studium sind ihm zuviel? Muss sie sich denn ausziehen? Bittesehr, sie reisst sich Bluse und BH vom Leib. Was, immer noch nicht? Soll sie seinen Penis zwischen die Brüste nehmen? Ihm gar den Schwanz lutschen? Wär ihm das eine Zwanzigernote wert? Ihre Kollegen müssen die hysterische Frau zurück zur Bühne schleppen.

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Am Ende ist sowieso alles vergebens: Roberto kommt 2017 ums Leben, als unbeteiligter Zuschauer bei einer Demonstration; getötet von einem Querschläger aus einer Polizeiwaffe. Die Kugel ist ein Kerl im goldenen Superheldenkostüm, der sich an den Jungen heranmacht.

Das Teatro La Re-sentida vermengt Vergangenheit und Gegenwart Chiles zu einem durchgeknallten Karneval. Die Handlung setzt an im Jahre 1973, als der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende von einem Militärputsch unter Führung von Pinochet aus dem Amt gehievt wird. Auf der Bühne bereitet Allende seine Abschiedsrede fürs Fernsehen vor, doch die versammelten Minister reden ihm die ganze Zeit drein: Der rote Hintergrund muss weg! Die Musik passt nicht! Mehr Energie!

Auf den Schwank folgen surreale Bilder von einem Strandausflug, abgelöst von Slapstick und Artistik, unterbrochen von einem tragischen Monolog. Diese imaginierte Zukunft ist so dicht und temporeich, dass sich einem der Kopf dreht. Und weshalb zum Teufel läuft der Diener im Affenkostüm durch die Gegend?

Am Ende hinterlässt auch dieser alternative Allende Träume, die nur noch Trümmer sind. Trümmer, die bis in die Gegenwart reichen und über Roberto einstürzen. Hätte vielleicht eine Fünfzigernote geholfen? Wir, die Zuschauer, sind jedenfalls fix und fertig.

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