Pimmelköpfe machen Krieg

Games, Spielzeug, Cartoons: Üblicherweise an Kinder und Jugendliche gerichtet, eignen sich hier KünstlerInnen die bunten Welten an, um ihnen unter den Rock zu gucken. Ein Besuch in der Ausstellung Toys Redux — On Play and Critique (30.05.–16.08.2015).
 
Man kommt die Treppe hoch und steht einem riesigen errigierten Penis gegenüber, aus dessen Spitze eine USA-Flagge ragt. Hoppla. Auf den Schaft hat Judith Bernstein „Moral Injury“ geschrieben; ihr grossformatiges Gemälde „Fucked by Number“ (2013) zählt unter anderem die Toten und Traumatisierten auf, die der amerikanische Militäreinsatz in Afghanistan und dem Irak hinterlassen hat.
Was sonst ein pubertierender Schüler auf die Toilettenwand kritzelt (minus Statistik), dient Bernstein dazu, Machtfantasien und Gewaltgeilheit ad absurdum zu führen. Wie sie es schon mit dem Vietnamkrieg gemacht hat: „Cockman #1“ und „Cockman #2“ (1966) sind Porträts von buchstäblichen Pimmelköpfen, einem Gouverneur und einem Patrioten („Fuck Vietnam!“).

Beachten Sie, dass in der Ausstellung „Toys Redux — On Play and Critique“ sexuelle Inhalte zu sehen sind.

Etwas harmloser geht’s im Erdgeschoss zu, wo Claus Richter ein „Very LargeSelf-Portrait with Train and Colored Lights“ (2015) installiert hat. Geschenke türmen sich zu einer Stadt auf, mit blinkenden Lichtern und Spielzeugzug. Mittendrin: Ein Kind im Matrosenanzug, das sich mit gierigem Blick auf eine der Schachteln zu stürzen droht wie Godzilla auf einen Wohnblock. Gleichzeitig thront der Hauptturm hinter dem Rücken des verwöhnten Görs bedrohlich auf, als wolle er es unter sich begraben. Der Weihnachtsmorgens als Frankensteins Kampf der Teufelsmonster.
Wir erkennen: Spielzeug ist Krieg. Es ist kein Zufall, dass der Ausstellungstitel an Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now Redux“ erinnert.

Fröhliche Geschwüre

Die Sammelausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst wirft einen Blick in die Abgründe von Spielewelten. Ob nun Bernstein obszöne Comicfiguren hernimmt, um Machtwahn offenzulegen, oder Richter die Freude an Geschenken als Konsumgier entlarvt: Unter der bunten und fröhlichen Fassade legen die Kunstanatomen Geschwüre der Gesellschaft frei.

Am fröhlichsten wuchert es in der Werbung, wo die AXE-Produkte grassieren. Die spielerischen Werbefilmchen des Deoherstellers richten ihre perfide Botschaft direkt auf Teenagerhirne: „Schmier und sprüh dich mit unserem Zeugs ein, dann fliegen die Weiber auf dich.“ Timur Si-Qin hat für „Axe Effect“ (2013) jeweils drei Duschgelflaschen mit Spielzeugschwertern durchstossen und lässt den farbenfrohen Inhalt auf den Boden tröpfeln. Die phallische Konnotation ist fast so offensiv wie bei Bernstein.

Auf einem Fernsehbildschirm in Blickweite der AXE-Installation treiben sich wiederum die Sockenpuppen von Jan Peter Hammer um. Das Videofilmchen „The Jungle Book“ (2013) erinnert an eine Kindersendung, doch hier versucht eine violette Puppe mit Schnauz, ein paar Puppenkindern ihr neoliberales Weltbild schmackhaft zu machen: „Robin Hood is a communist. Don’t you want to be a commercial analyst?“
Bei den Dialogen, die Ökonomen feuchte Träume bescheren, griff Hammer auf die Hilfe von Ana Teixeira Pinto zurück. „The Jungle Book“ erinnert nicht zuletzt daran, dass auch Kinderfernsehen der Marktlogik gehorcht. Man denke nur an das ganze Spielzeug, das ein SpongeBob verkaufen muss — der gelbe Schwamm taucht dann auch auf einem Gemälde von Julia Wachtel auf, die ein Grossteil ihres Werks der Darstellung von Cartoonfiguren widmet.

Einhörner und Defekte

Schon völlig erschöpft, setze ich mich in einen der Hängesessel, die Alex Bag und Patterson Beckwith an die Decke geschraubt haben. Prompt zwängt der Sessel meine Schultern derart ein, dass ich mich lieber auf einem der grossen Sitzkissen niederlassen.
Ihren Teil des Raums haben Bag & Beckwith mit rotem Samt ausgelegt und ein paar Fernseher hingestellt. Mit einem Kopfhörer auf den Ohren schaut man sich ihre Sendung „Cash from Chaos“ (später „Unicorns & Rainbows“) an, bestehend aus halbstündigen Episoden, die von 1994 bis 1997 auf einem öffentlichen Sendeplatz liefen. Schräges Zeug, das von Musikvideos bis Reportagen alles parodiert, was das Fernsehen zu bieten hat.

Eine Entdeckung sind die grotesken Collagen, mit denen Marvin Gaye Chetwynd ihre Ecke tapeziert hat. Ausschnitte aus Pornoheften verbindet sie mit antiken Darstellungen oder Bildern aus Tierbüchern. Da hat sie zum Beispiel auf die Körper eines kopulierenden Paares die Köpfe schreiender Vogeljungen montiert. Was gibt es daran nicht zu lieben?

Provozierend experimentell ist schliesslich Cory Arcangels „Super Landscape #1“ (2005). In der Ausstellungsbroschüre ist zu lesen, die Videoinstallation basiere auf dem Computerspiel „Super Mario Bros.“ von 1985. Doch die Anlage ist verwaist und am Eingang hängt ein Zettel mit der Aufschrift „DEFEKT“. Ein cleveres Spiel mit Publikumserwartungen.

toys_redux_defekt
(nachgestellt von G.S.)

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