Locarno 2015: Serge Bozon

Festival del film Locarno 2015C

 
Als kleines Double Feature zeigt das Filmfestival Locarno zwei aktuelle Arbeiten, an denen Serge Bozon beteiligt ist. 1972 in Frankreich geboren, arbeitet er dort als Filmkritiker und Schauspieler, ist vereinzelt aber auch als Regisseur unterwegs.

 
L’Architecte de Saint-Gaudens
Von Serge Bozon & Julie Desprairies
Fankreich 2015
29 Minuten

Auf Einladung einer französischen Kunstorganisation hin erarbeitete Julie Desprairies etwas, das man wohl als Architektur-Musical bezeichnen kann. Das heisst: Die Choreographin ging in die französische Gemeinde Saint-Gaudens, suchte sich einige Bauwerke heraus und entwickelte Bewegungsabfolgen in ihre Architektur hinein — dargestellt von Laientänzern, die sie aus den Bewohnern der Kleinstadt rekrutierte.

Das sieht dann so aus: Im örtlichen Hallenbad kommen einige Taucher rückwärts aus der Umkleidekabine. Während sie in einer Reihe um das Becken herum watscheln, öffnet sich die Kuppel. Derweil pflügen ein paar Sportler im Kajak durchs Wasser.
Oder so: Die Jugendlichen eines Internats tanzen durch die Räume ihrer Unterkunft, springen über Sitzelemente oder stellen sich in den Fenstern auf.
Oder so: Zwei Fahrzeuginspekteure untersuchen einen Wagen, wobei Desprairies die alltäglichen Arbeitsschritte zu einer abstrakten Choreopgraphie mutiert.

Als roter Faden führt uns „der Architekt“ durch die verschiedenen Stationen. Wir lernen ihn zu Beginn kennen, wie er in seinem Büro ein Modell zusammenklebt (während ein Plakat von Le Corbusier über ihn wacht). Im Folgenden erläutert er die architektonischen Merkmale der gewählten Gebäude oder denkt über das Verhältnis von Architektur und Gesellschaft nach — und zwar in Form von Liedern. Die Rolle des Architekten spielt denn auch der Musiker Mehdi Zannad. Doch die Bewohner von Saint-Gaudens teilen sich ebenso über Gesang mit und formulieren zum Beispiel die Bedürfnisse, die die Bevölkerung an ein öffentliches Bauwerk hat.

Serge Bozon hat das Projekt schliesslich in bewegte Bilder gefasst. Und so hat das Trio Desprairies-Zannad-Bozon ein grandioses Architektur-Musical geschaffen.

 
„L’Architecte de Saint-Gaudens“ läuft in der Reihe Fuori concorso: Shorts (Ausser Konkurrenz: Kurzfilme)

 
 
Deux Rémi, deux
Von Pierre Léon
Frankreich/Schweiz 2015
66 Minuten

Stell dir vor, es gäbe dich plötzlich doppelt. Nur dass dein Doppelgänger deinen Job besser erledigt und im Gespräch mit Frauen nicht den Kopf verliert, dass er keine von deinen dummen Neurosen hat. Im Gegensatz zu dir ist er durch und durch lebenstüchtig, dieser miese Penner. Und als du dich endlich überwindest und ihn stellst, richtet er eine Pistole auf dich.

„Deux Rémi, deux“ ist in langen, unbewegten Einstellungen erzählt — ohne die teils farbenfrohe Beleuchtung wäre das arg langweilig anzuschauen. Doch der subtile Humor und die exzentrische Art der Hauptfigur Rémi machen es wieder wett. Da sitzt er zum Beispiel auf einer Treppe, als sich plötzlich ein seltsamer Typ neben ihn setzt und ihm eine Uhr schenkt. Wie Pascal Cervo Rémis verklemmte Panik darstellt, ist herrlich komisch.

Serge Bozon schliesslich spielt Rémis Bruder Philippe.

 
„Deux Rémi, deux“ läuft in der Reihe „Signs of Life“ (die narrativ experimentelle Filme präsentiert)

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