Locarno 2015: Garoto

Festival del film Locarno 2015C

 
Garoto
Von Júlio Bressane
Brasilien 2015
76 Minuten

Manchmal ist das Publikum ein ungezogenes Gör, dem man den Hintern versohlen sollte.

Der brasilianische Regisseur Júlio Bressane macht seit fast fünfzig Jahren Filme. So hat er sich schon in den 60ern mit dem cinema marginal einen Namen gemacht: Undergroundfilme als Antwort auf den (amerikanischen) Kommerzfilm. Schnell und schmutzig gedreht, aber mit künstlerischem Anspruch.
Für Locarno hat er das Projekt „Tela Brilhadora“ organisiert: Vier Filme von vier Regisseuren. Neben „Garoto“ gehören diese drei Arbeiten dazu.

Vor der Präsentation seines eigenen Beitrages trat Bressane auf die Bühne und bat das Publikum darum, mit seinem Film Geduld zu üben. Nachdem „Garoto“ angelaufen war, wurde auch bald klar, weshalb: Wir sehen eine junge Frau und einen jungen Mann, die in einem Wald herumstehen und miteinander reden … oder genauer gesagt: Die junge Frau gibt lange, gewundene Monologe von sich, auf die der junge Mann schweigend reagiert.
Irgendwann landen die beiden in der Wohnung einer reifen Dame. Nachdem sich dort eine Katastrophe abspielt, flüchtet das Paar in die Wüste — wo nun beide schweigen.
All das in langen, unbewegten Einstellungen.

„Garoto“ ist inspiriert von einem Text des argentinischen Autors Jorge Luis Borges: „El asesino desinteresado Bill Harrigan“. Darin erzählt er das Leben von Bill Harrigan nach — auch bekannt als Billy the Kid („garoto“ heisst auf Englisch „kid“).

Ein Film wie dieser funktioniert nur an einem Festival, jedenfalls für mich. An einem Tag, an dem ich schon mehrere Vorführungen hinter mir habe und im Grunde gar nicht mehr aufnahmefähig bin. Dann nervt mich ein Werk wie „Garoto“ nicht, sondern versetzt mich in einen meditativen Zustand, in dem es mir nicht darauf ankommt, ob ein Film 76 Minuten oder 1 Million Jahre dauert.

Dann finde ich auch alles unheimlich amüsant. Wenn zum Beispiel der Regisseur selbst auftritt und auf einem Instrument herumtrommelt, das schlicht wie ein pink angemaltes Brett aussieht.
Oder wenn das Heldenpärchen durch die Wüste läuft und dabei Geräusche aus einer Tropfsteinhöhle ertönen.
Oder wenn die erwähnte reife Dame den beiden beim Sex zusieht und schliesslich fordert: „Gut. Jetzt fick sie von hinten. In den Arsch!“

Nur das Publikum war nicht zu ertragen. Dass „Garoto“ kein Film für jedermann ist, kann ich verstehen — aber dass von Anfang bis Ende Zuschauer den Saal verliessen (mit der Diskretion einer Elefantenherde), nervte dann doch. Leute: Entweder geht ihr, bevor die erste halbe Stunde um ist, oder dann hält ihr gefälligst bis zum Ende durch.

 
„Garoto“ lief in der Reihe „Fuori concorso: Tela Brilhadora“

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