Locarno 2015: The Waiting Room

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The Waiting Room
Von Igor Drljaca
Kanada 2015
93 Minuten

„Ich habe damals viel Geld verdient. Bis ein paar Arschlöcher gefunden haben, dass sie einen Krieg anfangen müssen.“ So drückt sich Jasmin Geljo im Q&A nach der Vorführung aus. Der Schauspieler war in Jugoslawien als Filmschauspieler und Bühnendarsteller unterwegs, bevor der Krieg das Land auseinander riss.

Im Film spielt der erfolgreiche Nebendarsteller („Cube Zero“, „Land of the Dead“) eine fiktionalisierte Version seiner selbst. Während des Balkankonflikts nach Toronto geflüchtet, verdient dieser Jasmin seinen Lebensunterhalt als Bauarbeiter, geht nebenher aber immer wieder an Vorsprechen für Filmrollen. Die (äusserst witzigen) Probeaufnahmen durchziehen den Film wie einen roten Faden (und führen am Ende zu einer schönen Pointe).

Ausserdem versucht Jasmin, seinen einstigen Bühnenpartner dazu zu überreden, ihr altes Comedypgrogramm aufleben zu lassen — wir sehen Archivaufnahmen des echten Jasmin, der heutzutage tatsächlich wieder regelmässig auf dem Balkan Auftritt. Doch im Film kommt das Projekt nicht über einen einmaligen Auftritt hinaus, mit dem die beiden alten Männer die jugoslawische Exilgemeinde in Toronto unterhalten.

Das selbstironische Spiel von Realität und Fiktion treiben Realjasmin und sein Regisseur Igor Drljaca noch weiter, indem Filmjasmin eine Rolle als jugoslawischer Vater findet. Mit seiner Film-im-Film-Familie, die seiner Film-Familie gleicht, die wiederum Realjasmins Familie nachempfunden ist, sitzt Filmjasmin für die Dreharbeiten in einem alten Auto. Während auf der Rückprojektion eine jugoslawische Strasse vorüberzieht, steigen als Soldaten und Generäle verkleidete Schauspielkollegen zu. Der stärkste Moment von „The Waiting Room“ zeigt, wie Filmjasmin die Erinnerungen an früher überkommen — beobachtet vom fiktiven Regisseur, der dem echten Regisseur auffällig ähnlich sieht.

„The Waiting Room“ handelt von einem „Land, das nicht mehr existiert“, sagt der Realregisseur. Filmjasmin trauert diesem verlorenen Land nach, nachdem er alt geworden ist und seine Lebenspläne sich nicht erfüllt haben. Seinen Kindern ist der Balkan egal, selbst der älteren Tochter, die damals noch in Jugoslawien zur Welt kam. Es geht hier eben auch um eine Generationenfrage. „Ich war 34, als ich nach Kanada gekommen bin, er erst 10, glaub ich“, erläutert Realjasmin und zeigt auf Drljaca. „Ich kenne Jugoslawien vor allem aus den Erzählungen meiner Eltern“, meint der Regisseur. Das Spiel von Erinnerung und Realität mit dem Spiel von Fiktion und Wahrheit zusammenzubringen, ist Drljacas Kunst — und er hat das Glück, dass ihm mit Jasmin Geljo ein Schauspieler zur Verfügung steht, der das Spiel so gekonnt mitspielt.

 
„The Waiting Room“ läuft im Concorso Cineasti del presente.

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