Locarno 2015: Dream Land

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Dream Land
Von Steve Chen
Kambodscha/USA 2015
90 Minuten

L’altra Sala ist ein feuchtwarmes Höllenloch: Bei der Hitze draussen und der Menschenmasse drinnen schnappt man vergeblich nach Sauerstoff. Man dünstet im eigenen Saft vor sich hin und merkt, wie es mit einem langsam zu Ende geht …

An der Oberfläche erzählt Steve Chen (nicht zu verwechseln mit dem YouTube-Mitbegründer) eine simple Liebesgeschichte: Eine junge Immobilienmaklerin leidet unter ihrer Beziehung zu einem Fotografen, der es mit der Treue so gar nicht genau nimmt. Für den beziehungsfähigeren Jugendfreund jedoch, der ihr einst seine Liebe gestand, hegt sie rein platonische Gefühle.

Hinter der Dreiecksgeschichte steckt ein cleveres Porträt der kambodschanischen Gesellschaft, die zwischen dem gewalttätigen Erbe der Roten Khmer und der modernen Konsumkultur balanciert.
Letztere macht Chen am wachsenden Immobilienmarkt fest: Seine Heldin führt wohlhabende Kunden durch moderne Häuser. Swimmingpool, Wendeltreppe, verkitschte Inneneinrichtung („nach europäischem Vorbild“) — die aufstrebende Elite will standesgemäss wohnen.

Höhepunkt des Wirtschaftswachstums ist das grössenwahnsinnige Bauprojekt Camko City, ein ganzes Viertel inklusive Wolkenkratzern und riesigen Wohnblöcken, das am Rande der Hauptstadt Phnom Penh aus dem Boden gestampft wird. Beim pathosgetränkten Werbespot überkommt einen ein leichtes Grausen.

Die Kamera stellt Chen stets so auf, dass die Architektur im Zentrum steht, wohingegen die Menschen eher zufällig ins Bild geraten. Sie sind ein Nachgedanke des Baubooms. Und sie denken schon ganz in der Logik von Konsum und Status. Wenn die Immobilienmaklerin dem Freund ihre Gefühle schildern will, so erklärt sie ihm diese anhand eines Musikvideos, das im Fernsehen läuft. Ähnlich, wie sie ihren Kunden ein Haus schmackhaft macht, indem sie ihnen erzählt: „Hier wurde ein Musikvideo gedreht.“ Jeder will ein Star wie die berühmten Popmusiker sein.

Wenn sich die Maklerin am Ende vom Fotografen trennt, so geht das mit einem Wechsel der Architektur einher: Sie macht ein paar Tage Strandferien in der Provinz Kep, um auf andere Gedanken zu kommen. Unter anderem schaut sie sich eine Ruine an, der die Zeit des kommunistischen Regimes eingeschrieben ist. Und zwar ganz konkret: In die verfallenen Wände hat jemand Bilder von Krieg und Elend gekritzelt.
„Die Erinnerung an ihn verfolgt mich wie ein Schatten“, sagt die Maklerin in der nächsten Szene. Und man weiss nicht recht, ob sie ihren Ex-Freund oder Pol Pot meint.
Ihren Frieden findet sie schliesslich in der Naturlandschaft von Kep, wo kein einziges Haus steht.

Übrigens, mit dem Titel „Dream Land“ verbindet sich eine grandiose Pointe. Aber die wird hier nicht verraten.

… endlich dürfen wir wieder raus an die frische Luft, dem Erstickungstod gerade noch entkommen. Jetzt erstmals ein Bier. Auf Kambodschas Zukunft.

 
„Dream Land“ läuft im Concorso Cineasti del presente.

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