Locarno 2015: Keeper

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Keeper
Von Guillaume Senez
Belgien/Schweiz/Frankreich 2015
91 Minuten

Maxime: „Wieso hast du zwei verschiedene Schuhe an?“
Kleiner Bruder: „Gefällt mir halt so … Wieso hast du zwei passende Schuhe an?“

A keeper nennen die Amis eine Frau oder einen Mann, die/den man für eine langfristige Beziehung behalten sollte.
Ein Torwart (goalkeeper) hält Bälle.
Mel und Max wollen ihr Baby behalten.

„Ich will das nicht, das ist eklig“, gesteht Mélanie (Galatéa Bellugi) ihrem Freund Maxime (Kacey Mottet Klein). Aber auch wenn sie ihm keinen Blowjob geben will, liebt er sie.
Mel und Max sind fünfzehn Jahre alt, also jung und dumm. Sie sind unvorsichtig, weswegen das Mädchen schwanger wird. Jetzt die Frage: Abtreiben oder behalten?

„Der Film ist weder gegen das Behalten noch gegen Abtreibungen. Wir wollten das Thema aus allen Blickwinkeln untersuchen“, erklärt Jungregisseur Guillaume Senez im Q&A nach der Vorführung, der mit David Lambert auch das Drehbuch schrieb. So gibt es im Film für jede Position einen Stellvertreter:
Die beiden Jungen gehen zu einem Berater, der deutlich macht, dass die Entscheidung letztlich beim Mädchen liegt. Max hingegen besteht darauf, dass er zum Thema auch etwas zu sagen hat, und überredet Mel dazu, das Baby zu behalten.
Max‘ Eltern sind hilfsbereit und haben viel Verständnis, während Mels alleinerziehende Mutter ihre Tochter mehr oder weniger zur Abtreibung zwingen will — gerade weil sie selbst in ihrem Alter denselben Fehler machte.
Eigentlich fehlt nur der religiöse Blickwinkel.

Einerseits verdienen Senez und Co. Annerkennung, da sie es sich nicht einfach machen wollen und dem Publikum keine Meinung vorgeben — andererseits machen sie es sich insofern einfach, als dass sie keine Haltung beziehen, an der sich das Publikum reiben könnte. „Keeper“ ist ein Lehrstücks, das es allen recht machen will. Angesichts des exemplarischen Duktus erscheint das Drama der Handlung aufgesetzt, während die Figuren zu pädagogischen Funktionen verkommen.

Man vergleiche „Keeper“ mit dem kanadischen Beitrag „The Waiting Room“ (Kritik folgt). Der Film zeigt ebenfalls ein sozialrelevantes Thema aus verschiedenen Blickwinkeln, allerdings stellt er eine vielschichtige Figur mit ihrer persönlichen Meinung ins Zentrum. Im Gegensatz zu Senez traut Regisseur Igor Drljaca seinen Zuschauern zu, eine bestimmte Haltung von sich aus zu hinterfragen, ohne explizite Gegenpositionen vorgesetzt zu bekommen.

In „Keeper“ erhält immerhin Max ein wenig Tiefe, während wir ihn dabei begleiten, wie er eine Karriere als Torwart verfolgt. Im Laufe eines Trainings entdeckt ihn ein Scout und lädt ihn zu einem Test ein. Doch abgelenkt von seinen persönlichen Problemen, fehlt dem Jungen die nötige Konzentration.

„Ein wenig Tiefe“ schreib ich, weil sich Senez zu sehr auf Klischees stützt. Will er zum Beispiel vermitteln, dass Max nachdenklich ist, zeigt er uns, wie der Teenager durch den Wald joggt oder aus dem Fenster eines Zuges schaut, während ein melancholischer Popsong läuft.
Und fast schon nervtötend ist die Kameraführung, die einmal mehr auf diesen pseudodokumentarischen Stil (Handkamera!) setzt, der für das gegenwärtige junge Kino so typisch ist. Die Authentizität, die „Keeper“ damit behauptet, hat einen schalen Beigeschmack.

Gegen Ende schleicht sich Max aus seinem Elternhaus, um in den Pub zu gehen — zusammen mit der hochschwangeren Mel. Man möchte die beiden schütteln und anschreien: „Habt ihr nicht schon genug Blödsinn angestellt?“
Aber eben, sie sind fünfzehn. In dem Alter waren wir alle jung und dumm. Immerhin diese Erkenntnis macht „Keeper“ anschaulich.

 
„Keeper“ läuft im Concorso Cineasti del presente.
Heute Abend wird der Film ein letztes Mal gezeigt, um 23.30 Uhr im Rialto 2.

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