Schaustellerei Vol. 3

An der nächsten Schaustellerei im Dynamo gibt’s Musik, Kunst und eine Fassaden-Taufe (die haben das Dynamohaus ja ganz neu gemacht).
Da gibt’s auch eine Ausstellung der Perspektive, unter anderem mit Comics und Illus von Mitmutant Gregor.

Ort: Jugendkulturhaus Dynamo, Wasserwerkstr. 21, Zürich
Datum: Samstag, 5. September
Zeit: Ab 18 Uhr
Eintritt: frei

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Wieviel Judentum brauche ich?

Am „Europäischen Tag der Jüdischen Kultur“ gibt die Gruppe SinnSpiel ein Gastspiel in Bern. „Wieviel Judentum brauche ich?“ handelt davon, wie verschiedene Menschen ihre jüdische Identität leben.

Ich hab ja damals die Premiere im Kulturmarkt Zürich (quasi unter Zwinglis Augen) gesehen. Nachdem wir freundlich mit Tee und Gebäck empfangen wurden, stellten sich uns vier jüdische Mitmenschen vor. Ihre Hintergründe waren ebenso verschieden wie ihre Zugänge zur Religion.

Ob in kleinen Szenen, Monologen oder Gedichten: Robert Salzer (der ja mit uns verbandelt ist) und Eva Mann haben mit ihren Laiendarstellern die unterschiedlichsten Themen durchgespielt und ein Stück erarbeitet, über das wir im Anschluss noch lange diskutiert haben.
Nach x Bieren war jedenfalls klar: Jenseits von Holocaust und Israelboykotten gibt’s für den Durchschnittsschweizer noch viel zu entdecken, was jüdische Kultur anbelangt.

Datum: 6. September 2015
Zeit: 15 Uhr
Ort: Jüdische Gemeinde Bern JGB, Kapellenstrasse 2, 3011 Bern
Eintritt: Frei

Website der Gruppe SinnSpiel
SinnSpiel auf Facebook
Programm des „Europäischen Tags der Jüdischen Kultur“

Gutenachtkriegsgeschichten – „The Dark Ages“ von Milo Rau am Theaterspektakel Zürich

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Milo „Reenactment“ Rau. Der gebürtige Berner gehört zweifellos zu den meist gesehenen und wohl auch meist umschwärmten Schweizer Theaterautoren unserer Tage. Eine, wie man so sagt, beeindruckende Laufbahn hat der 38-jährige Kunstschaffende schon hinter sich gelegt: Inszenierungen, die das rumänische Diktatorenehepaar in „die letzten Tage der Ceausescus“ auf dem Weg zur Hinrichtung begleitet. Eine skandalumwitternde Verteidigungsrede des Norwegers Andres Breivik oder die russische Gerichtsshow rund um die ketzerische Punkband „Pussy Riot“ sind nur ein paar der Kerben, die das Rausche’ Kerbholz schmücken.

2011 dann der Ritterschlag: Mit „Hate Radio“, ein Stück, das den Redaktionsalltag eines rwandischen Radiosenders zeigt, welcher mehr oder minder damit beschäftigt ist Michal Jackson über den Äther rasseln zu lassen und zwischendurch zum Morden aufzurufen, ist das inszenatorisches Juwel, welches Regisseur Rau Tür und Tor zur Jakobskrönung der Theaterschaffenden öffnete, eine Einladung an das Berliner Theatertreffen. Völlig klar, das hört ein Tauber und sieht ein Blinder – Milo Rau ist angesagt, Milo Rau ist Kult! Auf der ganzen Welt bestaunt theaterwilliges Fußvolk Raus Stücke und kriegte hier in Zürich, ein Weilchen nach dem publikumswirksamen Gassenhauer „Zürcher Prozesse“ das Stück „Dark Ages“ zusehen. Zürcher Prozesse übrigens, ein zweitägiges Schafott, in der das Wochenmagazin „Die Weltwoche“ wegen Hetze vor den Richter gezogen wird. Tatsächlich wird der WW-Journalist Alex Baur vom Richter befragt, muss sich rechtfertigen. Irgendwo, in den niemals enden wollenden Archiven der SRF Mediathek ist noch eine Aufnahme der „Prozesse“. Es traten rhetorischen Grössen aus der Reality darin auf. Professor Kurt Imhof etwa, oder der knabenhafte Milieuanwalt Valentin Landmann. Sowas stimmt nachdenklich.

Zurück zu Dark Ages: „Der Spiegel“ lobpreiste Milo Rau samt Inszenierung und meinte entzückt: Hingehen und zuhören! Die heimischen Herren von der „NZZ“ hingegen liessen verlauten, „Dark Ages“ sei eher enttäuschend, eine regelrechte Pattsituation am Feuilletonhimmel.
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Theater Spektakel 2015: La imaginación del futuro

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La imaginación del futuro
Teatro La Re-sentida
Chile

Da erschrickt das Publikum, aber so richtig: „Die wollen unser Geld!“
Der Schauspieler liest seine Forderung sogar auf Deutsch vom Blatt ab: „Wir möchten, dass jeder von ihnen eine Zwanzigernote aus dem Portemonnaie nimmt.“

Das Geld sollen wir, die wir plötzlich sehr nervös werden, in die Zukunft von Roberto investieren. Erst zwölf Jahre alt, stammt er aus Santiagos Armenvierteln. Die Chance auf eine anständige Bildung ist ihm verwehrt — es sei denn, wir rücken mit der Kohle raus.
Das Ensemble geht mit Sammelbeuteln durch die Zuschauerränge, doch einer aus dem Publikum will nicht zahlen. Sofort stürzt sich eine Schauspielerin mit der Kamera auf ihn. Der Typ trägt ein Hemd von Hugo Boss und teure Schuhe, aber läppische zwanzig Franken für Robertos Studium sind ihm zuviel? Muss sie sich denn ausziehen? Bittesehr, sie reisst sich Bluse und BH vom Leib. Was, immer noch nicht? Soll sie seinen Penis zwischen die Brüste nehmen? Ihm gar den Schwanz lutschen? Wär ihm das eine Zwanzigernote wert? Ihre Kollegen müssen die hysterische Frau zurück zur Bühne schleppen.

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Pimmelköpfe machen Krieg

Games, Spielzeug, Cartoons: Üblicherweise an Kinder und Jugendliche gerichtet, eignen sich hier KünstlerInnen die bunten Welten an, um ihnen unter den Rock zu gucken. Ein Besuch in der Ausstellung Toys Redux — On Play and Critique (30.05.–16.08.2015).
 
Man kommt die Treppe hoch und steht einem riesigen errigierten Penis gegenüber, aus dessen Spitze eine USA-Flagge ragt. Hoppla. Auf den Schaft hat Judith Bernstein „Moral Injury“ geschrieben; ihr grossformatiges Gemälde „Fucked by Number“ (2013) zählt unter anderem die Toten und Traumatisierten auf, die der amerikanische Militäreinsatz in Afghanistan und dem Irak hinterlassen hat.
Was sonst ein pubertierender Schüler auf die Toilettenwand kritzelt (minus Statistik), dient Bernstein dazu, Machtfantasien und Gewaltgeilheit ad absurdum zu führen. Wie sie es schon mit dem Vietnamkrieg gemacht hat: „Cockman #1“ und „Cockman #2“ (1966) sind Porträts von buchstäblichen Pimmelköpfen, einem Gouverneur und einem Patrioten („Fuck Vietnam!“).

Beachten Sie, dass in der Ausstellung „Toys Redux — On Play and Critique“ sexuelle Inhalte zu sehen sind.

Etwas harmloser geht’s im Erdgeschoss zu, wo Claus Richter ein „Very LargeSelf-Portrait with Train and Colored Lights“ (2015) installiert hat. Geschenke türmen sich zu einer Stadt auf, mit blinkenden Lichtern und Spielzeugzug. Mittendrin: Ein Kind im Matrosenanzug, das sich mit gierigem Blick auf eine der Schachteln zu stürzen droht wie Godzilla auf einen Wohnblock. Gleichzeitig thront der Hauptturm hinter dem Rücken des verwöhnten Görs bedrohlich auf, als wolle er es unter sich begraben. Der Weihnachtsmorgens als Frankensteins Kampf der Teufelsmonster.
Wir erkennen: Spielzeug ist Krieg. Es ist kein Zufall, dass der Ausstellungstitel an Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now Redux“ erinnert. Weiterlesen

Theater Spektakel 2015: Lolling and Rolling

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Lolling and Rolling
Von Ja Ha Koo

Greif dir mal in den Mund und taste nach dem Band, das die Unterseite der Zunge mit dem Mundboden verbindet. Jetzt stellt dir vor, wie ein Arzt dieses Zungenbändchen durchschneidet.
Ein Murmeln geht durch das Fabriktheater, ein paar Zuschauer ziehen Luft durch die Zähne ein: Die Operation läuft in Grossaufnahme über eine Leinwand.

In der Reihe Short Pieces präsentieren Nachwuchsperformer aus aller Welt kurze Solos. So auch der Südkoreaner Ja Ha Koo, geboren 1984, Theaterstudium in Südkorea und aktuell in Holland, nebenbei unter dem Pseudonym GuJAHA als Komponist tätig.
Koo tritt auf die Bühne und vor die Leinwand, wo er sich gegen das Publikum verbeugt. Er setzt sich an ein DJ-Pult linkerhand, um uns eine Geschichte zu erzählen. Genauer gesagt: Er spielt uns die Aufnahme eines Freundes vor, der Koos Text auf Band gesprochen hat. Das Englisch des Muttersprachlers ist um einiges besser als das des Südkoreaners. Den Text geht der Theatermacher simultan mit dem Rotstift durch, was eine Kamera auf einen kleinen Fernseher überträgt — das Gerät steht ziemlich verloren rechts der Leinwand am Boden. Weiterlesen