Das Gutenachtlied in mir

Salzbeach Volksgarten Salzburg – Das Lied in mir von Micheal Cossen, DE 2010, Schlafkritik

Es ist ein lauer Sommerabend und im Volksgarten Salzburg gibt’s Openair-Kino. Der Eintritt ist frei und es gibt auch Gratisgetränke. Eine gute Möglichkeit zum Schlafen. Es lohnt sich eine Decke oder sogar ein kleines Kissen mitzunehmen, denn selbst bei sehr heissen Sommertemperaturen wird so ein Parkrasen am Fluss feucht in der Nacht. Falls man ein Jacket dabei hat, befinden sich diverse Fahrräder in der Nähe, welche man als Gaderobe nutzen kann.

Der Film eigent sich zum Schlafen sehr gut. Es gibt eigentlich keine Handlungsansatz, der einen mitreissen würde, wenn es um das hochdramatische Verschwindenlassen von Menschen in der argentinischen Militärdiktatur Anfang der 80er-Jahre geht. Es ist ein deutscher Film und obwohl er in Südamerika spielt, plätschert er ohne Lebenslust oder Melodrama oder wenigstens authentischer argentinischer Musik (im Radio läuft Musik aus Peru) belanglos und mit viel aufgesetzten Tränen dahin. Ein typischer Film der vergebenen 1000 Chancen. So kann man gemütlich die Augen schliessen und man träumt von Argentiniern die kein English können, die wenigen Brocken, welche sie aber sprechen, in perfekter grammatikalischer Form und mit Begriffen, die sehr differenziert etwas beschreiben, wiedergeben.

Man muss sich einfach konzentrieren, dem Film ja nicht zu sehr zu folgen. Sonst könnte man angesichts der Fantasielosigkeit der Inszenierung auf die Idee kommen, die Macher hätte ein besonders tragisches Thema aus einem für sie exotischen Land gewählt, weil ihnen sonst im Leben halt nichts einfällt. Eine Art moderner Kulturimperialismus, wo man aus den Ländern des Südens nun auch noch die Geschichten klaut, weil es hier bei uns um eh nix mehr geht ausser Ablenkung. Und dann würde man sehr wütend werden und könnte nicht mehr gemütlich weiter dösen.

Dagegen hilft wenn man zum Beispiel am letztjährigen Theaterspektakel in Zürich das Stück „Cineastas“ des argentinischen Regiesseurs Mariano Pensotti gesehen hat. Dieser hat sich in diesem neben vielem anderen über Filmemacher lustig gemacht. Er zeigte in einer dramaturgisch virtuos gesponnen Geschichte, was passiert, wenn Künstler, weil ihnen nix einfällt, die tragischen und nicht in dieser Form entwertbaren Ereignisse aus der jüngeren Geschichte auspacken, statt über ihr eigenes Scheitern zu reflektieren. Zum Beispiel wie es ist ein total fantasieloser Cineast zu sein. Mit schönen Erinnerungen daran schlaf ich zur Darstellung einer argentinischen Familie, die grad Musik macht, endgültig ein, bevor sich die Deutschen im Film wieder anfangen anzuschreien.

Als grosser negativer Kritikpunkt ist noch anzumerken, dass direkt nach dem Abspann des Films eine Art Flutlichtanlage anspringt und das eingeschlafene Publikum radikal aus dem Schlaf reisst. Ausser jene, die sich von solchem Pseudopathos immer noch anstecken lassen, weil sie sich anscheinend in ihrem Leben auf risikolose Belanglosigkeiten stützen und wie Junkies jewede kleinst Form von Emotion oder Relevanz aufsaugen, wie der Hippie auf der Toilette LSD aus Johnny Depps Holzfällerjacke. Wenn man dann nach Hause geht und die Leute gerne über die Geschichte Argentiniens reden möchten, wo sie sich nicht mal an den letzen Bankrot erinnern oder wissen was Peronismus ist, aber glauben grad was ganz Wichtiges gesehen zu haben, ist es eine Wohltat zu antworten, disculpe me, ich bin eingeschlafen.

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