The Babadook: Gut, aber nicht genial – Mehr Fett, bitte!

The Babadook

Selten sieht man solche Filme. Vordergründig ein Horrorfilm, aber dahinter steckt mehr. Der Film zwingt seine Inhalte auf, aber eben: Hintergründig. Vermutlich sollte ein Psychoanalytiker herbei gezogen werden, um die Tiefen auszuloten und zu ergründen. Einen tauchenden Analytiker bräuchte man also, der da runter geht, während wir mit dem Horrorboot gemütlich auf dem Wasser dahin treiben.
Der Film weckt Assoziationen, zu Tarkowskis „Solaris“: Denn auch hier geht es um das eigene Versteckte, das tief im Innern verborgene, das sich nicht zurück drängen lässt, hervor bricht, Gestalt annimmt und unnachgiebig verfolgt. In der Archaik hingegen ist der Ödipus Bezug; ohne es zu übertreiben lässt sich die Protagonistin als getrieben von einem Iokaste-Komplex bezeichnen.
Jennifer Kent hat das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, der Film hat einige Preise gewonnen und ist von der Kritik hochgejubelt worden.

Aber zum Inhalt (denn: Worum geht es denn eigentlich?).

Eine allein erziehende Mutter (Essie Davis) hat alle Mühe mit ihrem sechs Jahre alten Sohn (Noah Wiseman). Der Vater fehlt, es jährt sich dessen Todestag, welcher gleichzeitig der Geburtstag des Sohnes ist. Der Mann starb bei einem Unfall, welcher gleichzeitig die Geburt des Sohnes markierte. Ödipedal ist die Anordnung, ödipedal ist es, wie der Junge jede Nacht zur Mutter ins Bett steigt, und sie umarmt, weil er sie vor den Monstern schützen möchte, auf sie aufpassen will; kindlich den Mann geben will, den sie vermisst. Das Wie macht es aus (denn ansonsten wäre das ja noch sehr verständlich). Der Junge ist in dem Alter, in dem er überall Monster zu sehen meint. Er hält die Mutter mit seinen Ängsten auf trab, es kostet sie ihre Nerven und den Schlaf, und sie hat keine Minute für sich. Auch ein Versuch zur Selbstbefriedigung findet keinen Abschluss: Ehe sie damit fortgeschritten wäre, liegt schon wieder der Junge neben ihr unter der Decke. Die Kamera zoomt dauernd auf ihr abgekämpftes Gesicht, zeigt die Augenringe und Falten, die Augen, die mal flackern, mal nur stumpf in ihren Höhlen liegen. Sie wehrt sich ohne Kraft, gegen die Nähe, gegen die permanenten Beschwörungen von Monsterphantasien. Kraftlos, denn sie ist alleine. In der Schule hat der Junge Probleme, er wird zum Freak abgestempelt; auch die Schwester der Mutter fürchtet sich vor ihm und zeigt ihre Abneigung offen. Die soziale Horrorspirale beginnt: Der Junge wird von der Schule verwiesen, er lebt nur noch in seiner Parallelwelt, die er mit Monstern teilt. Sie zeigt Verständnis, geht mit ihm Monster in der Nacht suchen, unter dem Bett, im Schrank; es sind häusliche Rituale, Rituale, welche die dunklen Ecken ausleuchten wollen um zu zeigen, dass da keine Monster hausen. Da der Junge zuhause ist, muss sie sich um ihn kümmern, sie meldet sich bei der Arbeit ab (andeutungsweise verliert sie den Job sogar), verbringt alle Zeit mit ihm. Das Jugendamt kommt vorbei, um nach dem rechten zu sehen, gerade als die Mutter Visionen von einem Kakerlakenbefall der Wohnung hat. Zugegeben, dort wird der Film platt: Die aufgelöste Mutter, die fahrig von Kakerlaken erzählt, und auf die Stelle hinter dem Kühlschrank zeigt, wo aber gar nichts zu sehen ist. Aber das folgt nicht der Dramaturgie des Horrors, sondern jener der sozialen Isolation.
Gleichzeitig findet sich ein Buch im trauten Heim. Eine Horrorgeschichte, vom titelgebenden Babadook. Als Buch steht es da in der Reihe unter den anderen Märchen, die Mutter hat es noch nie gesehen. Der Junge bringt es ihr, sie schlägt es neugierig auf, und merkt gleich, was sie da öffnet, ist nichts für Kinder, es ist noch nicht einmal etwas für sie. Das ist keine Geschichte, die sie da aufschlägt, das ist eine Drohung. Der Babadook drängt sich dir auf, auch wenn du es nicht willst, und du wirst ihn nicht mehr los („you can’t get rid of the Babadook…“). Ja, der Babadook ist das Dunkel, das Verdrängte, das zum Licht drängt. Es ist das Hässliche, das lauert und nicht zurück gedrängt werden kann. Ein Schattenwesen, ein Alpmahr, mit Schlapphut und schwarzem Umhang, Messerfinger. Was wie ein schlechter Scherz aus dem Bücherregal beginnt, wird zum Schrecken, der die Mutter von hier an verfolgt. Sie schmeisst das Buch weg, es liegt anderntags auf ihrer Türschwelle. Sie verbrennt es, es taucht angekokelt wieder auf, verziert mit Comicillustrationen, die ihre Geschichte vorweg nehmen: Sie sieht sich selber im Buch, wie sie den Hund umbringt, wie sie den Sohn umbringt.
Als nächstes wuchern da nächtliche Geräusche im Haus, Schaben, Kratzen, Knarzen; der Hund bellt, obwohl da nichts zu sein scheint, Möbel, die umfallen. In dem Haus ist etwas. Der Glaube, den der Junge immer aufrecht hält, dass die Monster echt sind, scheint sich zu bewahrheiten (Kindermund spricht Wahrheit), aber die Mutter wehrt sich, mit Vernunft, mit Argumenten, mit dem Verdacht, dass sie verfolgt wird, dass hier das Werk eines Stalkers vorliegt. Der Horror muss menschengemacht sein.
Und tatsächlich ist er das: In einer Nacht kommt der Babadook, als Schattengeflacker, als schwärzliche Wandfarbe herbeigerauscht, ergiesst sich durch die Wohnung und fliesst in sie hinein. Was auch immer da war, es ist jetzt in der Mutter. Es hat sich in ihr eingenistet.
Die allein erziehende Mutter, vorher verständig, liebevoll, beschützend, wird zu dem Monster, das in ihr steckt. Vordergründig verändert sie sich nicht, sie bleibt in der Gestalt der Mutter, aber ihr Verhalten dem Sohn gegenüber verändert sich. Sie flucht, schimpft unflätig, schreit und staucht den Sohn zusammen. Sie ist herrisch und autoritär, ohne Verständnis. Der Sohn soll endlich Ruhe geben mit seinen dummen Monstern, die es nicht gibt. Sie tötet den Familienhund, sie kappt die Telefonleitungen, die Verbindung nach Aussen. Wenn schon alleine, dann aber ganz. Das script, welches das Buch vom Babadook vorgegeben hat, fängt an, sich zu erfüllen.
Deswegen ist es vordergründig ein Horrorfilm, gleichzeitig aber auch etwas anderes. In der Dämmerung dessen, dass das Schreckliche nicht nur Einbildung, sondern ganz real ist, und dass es sich an Kleinigkeiten manifestiert, die dem Betrachter Warnung sein könnten, darin ähnelt die Anordnung „Rosemary’s Baby“. Dort wie hier ja auch die Frau oder Mutter, die von den Umständen zunehmend lebensschwacher wird.
Der Sohn – Meister zuvor darin, sich vorzubereiten auf die Monster – mit seinen selbstgebastelten Monsterjagdapparaturen weiss sich zu wehren (Das hat etwas von „Kevin allein zuhaus“). Es gelingt ihm auch, sie in dem Keller zu fangen, er fesselt sie am Boden. Sie wehrt sich, sträubt sich mit dem ganzen Leib, dass die Seile sich um ihren Leib verengen (auch hier wieder diese Andeutung des Sexuellen). Aber der Keller – hier finden wir unseren tauchenden Psychonalytiker – ist der Ort, wo die Überbleibsel des verstorbenen Mannes sind, der Ort, an den das Kind nicht darf, an welchen sich aber auch die Mutter nicht hintraut. Hier ist die sprichwörtliche Leiche im Keller, der Altar für den Mann, der vergessen wurde. Es ist nun auch klar, als sich die Mutter dem Babadook stellt, stellt sie sich dem eigenen Dämon, und dieser kann nur in der schmerzhaften Gestalt des Mannes kommen.

Als Geschichte mag das einfach klingen, vielleicht platt – aber der Kameraschnitt macht es aus. Das ist Verdichtung, der Schrecken, der sich ankündigt, verengt, hervor tritt; der Kameraschnitt suggeriert, dass da was sein könnte, nur um dann wieder zu zeigen, dass da eben doch nichts ist (Schnitt: Simon Njoo). Ähnlich auch der Einsatz der Musik: Bedrohlich unterstützt sie die Kulisse, nur um wieder zu verschwinden. Es ist eine Schattenwelt, die vom Film aufgemacht wird, und der Ausschnitt und der Ton unterstützen das, treiben das in Höhen (Musik: Jed Kurzel).

„The Babadook“ wird so immer stärker zu einer symbolischen, gedanklichen Anordnung: Kein Film über ein Monster, sondern einer über die Monster in uns; die Monster, die wir selbst erschaffen. Der Babadook haust in jedem, auf die eine oder andere Weise. Und gleichzeitig ist es ein Film, der das Thema der allein erziehenden Mutter auf eine verstörende Weise, die gleichzeitig einfach ist, ausbreitet. Denn was der Frau in der Gestalt des Mannes fehlt, fehlt als Mutter mit Doppelrolle in der Erziehung. Sie richtet sich zugrunde mit ihrem Verständnis für den Jungen. Sie richtet sich zugrunde, dass sie – erst in Gestalt des Babadooks gelingt es ihr – nicht zugeben will, dass sie es dem Sohn ankreidet, dass der Partner nicht mehr lebt. Ein Medea-Moment, wie sie dieses Trauma ausformuliert und den Sohn verflucht, sie wünschte sich, er wäre gestorben anstelle des Partners. Mutterliebe ist Mutterhass, und – auch so kann man es lesen – eigentlich ist der Babadook die Erfindung der Mutter, um den Tod des Partners zu verarbeiten und um gleichzeitig sich zu erlauben, auch mal streng und wütend auf den Sohn zu sein. Bezeichnend, dass in der Anordnung keine Hilfe von aussen kommt. Nicht wie beim „Exorzist“, wo die Institution der Kirche der leidgeplagten Familie helfen kommt. Nein, es ist eine private Anordnung, und darin zeigt sich der wahre Horror: Dass sie auf keine Hilfe von Aussen zählen kann, dass sie isoliert wird und unter Verdacht gestellt wird. Sie muss das alleine ausstehen, und das macht die ganze Sache erst zum Horror. Der Schrecken, wenn alleine durchzustehen, wird zum Dämon, der alles mit sich zu reissen droht.
Bezeichnend, dass hieraus kein perfektes Ende entstehen kann. Der Babadook ist ins Leben getreten, er verschwindet aber nicht mehr daraus. Zuletzt haust er im Keller, wird dort von der Mutter gefüttert. Der Rest hat sich normalisiert.

Wie gesagt, lassen sich da viele Verbindungen innerhalb des Horrorgenres formulieren: „Poltergeist“, „Shining“, „Exorzist“ oder „Rosemaries Baby“. Aber eben: Auch die Archaik kommt nicht zu kurz, mit Iokastismen oder medeaesken Momenten. Und zuletzt diese Verbindung zu Tarkowski…
Aber ist der Film genial?
Er ist solide, es ist ein sehr guter Film.
Als ich mit Gregor darüber sprach, beide waren wir ähnlich begeistert, formulierte er ein Gleichnis: „Nichts ist zu viel an diesem Film, es ist als ob er kein Gramm Fett hätte.“ – Der Satz bringt bestechend gut auf den Punkt, was an dem Film gut und eben nicht genial ist. Er ist unbestreitbar gut und gut gemacht – aber eben: Man kann nicht darüber streiten, man kann ihn nur gut finden oder nicht. Als ich vor vielen Jahren im Kino mit einem Kumpel den Director’s Cut von „2001“ anschauen ging, schlief er neben mir beinahe ein und rief in den fast leeren Saal „langweilig!“ hinein. Wir stritten uns den Rest des Abends darüber, über die langen Kamerafahrten, den Einsatz der Musik. Man kann das abtun, als Manierismen des Regisseurs, als unnötiges Strapazieren der Geduld des Zuschauers. Aber ein genialer Film fordert heraus, das hat auch nichts mit Sehgewohnheiten vergangener Generationen zu tun.
Denn die Rätsel, die Kent aufbaut, sind keine – alles löst sich so ein, wie man es erwartet, wie man es schon gedacht hat. Nochmals: Dem zuzusehen, ist spannend, ist grandios. Aber zurück bleibt ein Nachgeschmack, dass Kent sich mehr hätte raus nehmen sollen. Aber nehmen wir den Film als Zwischenpunkt einer Entwicklung, einer Entwicklung, auf die ich gespannt bin. Ob Jennifer Kent einen eigenen Stil entwickeln wird. So wie sie mit ihrem Stoff umgeht, wie sie nicht davor zurück schreckt, archaische Themen zu suchen und zu verhandeln, das ist eine Seltenheit. Aber der ganze „Babadook“ hinterlässt den Geschmack, als hätte sie (noch) kein Vertrauen auf das, was da in der Dunkelheit lauert. Als bräuchte sie als psychologische Tiefenforscherin immer noch eine Rettungsleine, als kompensierte sie die Unsicherheit durch solides Handwerk.
Aber insbesondere in diesen Diät-Zeiten sind Filme ohne Fett zwar viel wert, aber sie verlieren ihre Streitbarkeit. Es ist wie bei den Athleten des Fussballs. Sie spielen tollen Fussball, ihnen zuzusehen macht ja auch Freude. Aber ich würde auch 100 Ronaldos gegen einen tollwütigen Roy Keane eintauschen, einen kettenrauchenden Mario Basler oder einen betrunken auf dem Spielfeld stehenden Paul McGrath…

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4 Gedanken zu “The Babadook: Gut, aber nicht genial – Mehr Fett, bitte!

  1. Kein Gramm Fett zuviel – in der Filmsprache. Die soll sie gefälligst fettfrei lassen. Kent erzählt wie ein Autor, der nur soviele Worte braucht, wie unbedingt nötig sind. Das macht auch Kubrick in „2001“.

    Was du forderst, ist Experimentierfreude in den Zutaten – Globulisiertes Hühnerkaviar anstelle eines Pouletschnitzels, auch wenn es perfekt zubereitet ist. Du Snob.

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  2. Es geht nicht um die Zutaten – es ist die Streitbarkeit. Ich will eben kein Pouletschnitzel, sondern fetttriefende Ente aus dem See selber gefangen, grilliert mit einem 0.90 Cent Dosenbier im Arsch gefüllt. Es soll triefen, triefen, triefen, dass der athletische Zuschauer Magenkrämpfe erhält.
    Aber ja, das ist halt fast schon snobistisch: Zu verlangen, dass ein Film sperrig sein muss. Handkehrum war mir das bisher nicht bewusst, dass ich das von Filmen verlange: Dass sie herausfordern sollen und nicht nur meinen Ansprüchen als Konsument gerecht werden 😉

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  3. Hm. Ja. Wenn gewisse Szenen Fragen aufwerfen: Warum ist das drin, obwohl es es nicht braucht? Wie steht das im Zusammenhang mit dem Ganzen, wenn es sich nicht eingliedert, sondern ein eigenes Ganzes eröffnet? Was erzählt das über den Charakter, obwol es nicht handlungsrelevant ist?
    Nenn es falsche Fährten, nenn es ein neues Fass aufmachen. Nenn es Lyrizismus, unsinnige Verschnörkelung, neo-barockes Gedankentum, aber ich steh dazu…

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